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Ups, da waren's plötzlich fünf Jahre!

Liebe Leserschaft

gleich vorweg, ich wollte mich in diesem Rundbrief kurz  halten. Kurz aus dem Grund, weil Lesen eure kostbare Zeit in Anspruch nimmt, und wer hat davon schon genug? Ich wollte eigentlich lediglich ein paar Bilder auf's Netz stellen, da kann sich jeder durchklicken und klicken läuft ja geschwinder als sich durch Buchstaben wälzen. Nun es kommt aber anders:
 

Hätten wir mit Kathrins Vater nicht einen äusserst eifrigen follower (dem sagt man glaube ich so), hätten wir unser fünfjähriges Reisejubiläum prompt verpasst! Er verfolgt Kathrins Website und machte uns darauf aufmerksam, dass der Zähler, der unsere Reisetage addiert, vor wenigen Tagen  die magischen Zahl überschritt. Womöglich glaubt ihr uns nicht, dass wir das Fünfjahresjubiläum verschwitzten? In einer Zeit, wo Zahlen, Rekorde, jährlich steigende Gewinnzahlen, Börsensprünge und Bitcoinexplosionen den Rhythmus unserer Gesellschaft bestimmen, kann es doch nicht sein, dass man so ein Jubiläum vergisst?  

Bei uns ticken die Uhren etwas anders, wir gehören zu den Glücklichen, bei denen Zeit in Fülle vorhanden ist, dafür Finanzen eher bescheiden daherkommen. Wir können euch also nicht von unserer neuen Lohnerhöhung, unserem netten Bonus oder unseren spekulativen Ausbeutungen berichten, sondern lediglich davon, wie es ist, am Abend ins Bett zu fallen und nicht zu wissen, wie der kommende Tag sich gestalten wird. Denn der kann tausend Formen annehmen; vielleicht ist es eine schnurgerade Teerstrasse, die uns flugs einhundert Kilometer weiter führt oder eine staubige Piste, welche uns durch menschverlassene Gegenden zu unerwarteten Sehenswürdigkeiten bringt.  
Schon lange rennen wir nicht mehr den gross angepriesenen Sehenswürdigkeiten hinterher, da wo sich Menschenmassen fürs Selfie sammeln, da wo keine Besichtigung ohne die Durchquerung des Souvenirshops möglich ist, da wo das vermeintliche Abenteuer, die ultimative Action oder der absolut irre Adrenalinkick warten oder da wo einem vorgegaukelt wird, dass man das Wahre, Unverfälschte und Ursprüngliche entdecken wird.

Von Geheimtipps und Reiseführern
In fünf Jahren hat sich unser Reisestil geändert, der Lonely Planet Reiseführer ist zum Leitfaden geworden, wohin unserer Wege NICHT führen sollten. Wir erkunden viel lieber Orte, die unverhofft vor uns, wie eine Fata Morgana, erscheinen und viel lieber lassen wir unseren Blick über die Landkarten schweifen, in der Zuversicht eine versteckte Gegend zu finden, die wir in ihrer Fülle und Einzigartigkeit geniessen können. Wir ecken schon lange bei anderen Reisenden, oder wie es zu neudeutsch heisst „Travelern“, an, wenn wir erzählen, dass wir Machu Picchu, Ayers Rock, Niagarafälle, Denali Nationalpark, Great Barrier Reef, Galapagos Inseln oder Rio de Janeiro links liegen liessen. Wir geben uns Mühe Interesse zu zeigen, wenn Reisenden uns ihre „Geheimtipps“ verraten. Allermeist sind es Ratschläge, die in den gängigen Reiseführern eh zu finden wären. Auch wir waren lange mit solchen Reisebüchern unterwegs, doch wenn man sie einmal genauer miteinander vergleicht, wird man erstaunt sein, dass in allen fast das Gleiche steht inklusive Unwahrheiten und Fehler, welche der eine Autor dem anderen unverfroren abschreibt!

Sind wir deshalb bessere „Traveler“?
Nein, wir sind einfach anders. Wir haben uns für diese Reiseart entschieden und sind unendlich dankbar, dass sich 99% der Reisenden an die Highlights klammern und dabei glücklich werden. Keinesfalls wollen wir unsere Reiseart jemandem aufschwatzen, ich möchte lediglich versuchen euch eine Idee davon zu geben, wie man fünf Jahre auf drei (grosszügig gerechnet vier) Quadratmetern Heimfläche, an täglich wechselnden Überachtungsorten und mit Millionen neuer Eindrücke unterwegs sein kann und will.  
Wie erwähnt spielt Zeit für uns keine Rolle, von ihr verfügen wir endlos viel. So spielt es keine Rolle, wenn wir einmal, wie heute, unseren Automotor ruhen lassen, den Laptop mit dem Strom der Solarzelle füttern und den Tag von der ruhigen Seite angehen. Draussen bläst der Wind gerade unangenehm, und so fällt mir das Schreiben im Auto leichter. Doch meist halten wir uns im Freien auf, immer wieder nehmen wir unsere Feldstecher hervor, denn an jedem neuen Camp entdecken wir uns unbekannte Vogelarten, mit etwas Glück streift ein Bär vorbei, eine Antilope lugt herein oder kleine Nager umtanzen unser Lager. Sind wir 'mal an einem nicht so einsamen Ort, können wir mit anderen Campern einen Schwatz abhalten oder uns an ihr Lagerfeuer gesellen.

Ameisen im Hintern
Doch die Tage der Musse und des Stillstands sind bei uns rar. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind wir immer auf Achse, stets zieht es uns weiter, denn hinter jeder Kurve, jeder Kuppe verbirgt sich etwas Neues und Unbekanntes. So stossen wir unendlich oft auf Orte, die für uns spannend und entdeckenswert sind. Dieser Drang hat schon fast addictive Züge angenommen, „Ameisen im Hintern“ beschreibt dieses Gefühl wohl am besten. Mit jedem Reisetag wird uns klarer, wie unerschöpflich und unergründlich gross die Erde ist. Wir meinen ab und an, irgendwie alles erkunden zu wollen, doch am Abend eines anstrengenden Tages merken wir, dass wir erneut nur 120km geschafft haben und wir tausend Seitenpisten links liegen lassen mussten, da sogar für uns die Zeit nicht ausreicht, sie alle zu erkunden. Diese Sucht immer mehr sehen zu wollen, immer wieder aufzubrechen, um das Stück hinter dem Horizont zu erkunden, ist gewiss sehr ermüdend.  

Langzeitreisen ist nicht immer erholsam
Gerade habe ich in der ENGADINERPOST EINEN BERICHT darüber geschrieben, wie wir uns in den Wintermonaten auf Baja California vom Reisen erholen mussten. Reisende, die sich von Reisen erholen müssen, das ist doch völlig bescheuert! Ja, da würde ich im allgemeinen auch beisteuern, doch Reisen ist nicht unbedingt Ferien machen. In der Hängematte liegen, einen dicken Schmöker verschlingen, am Hotelbuffet schlemmen, eine geführte Wanderung durch die Berge unternehmen, sich morgens eine wohltuende Massage gönnen und am Nachmittag an der Bar 'was schnappen, gibt es Schöneres? So stelle ich mit Ferien vor. Schön ist das, doch zum Langzeitreisen gehört manches mehr und einiges ist nicht immer schön und ein Zuckerschlecken:
Sich bei jedem Grenzwechsel um eine neue Autohaftpflichtversicherung kümmern, auf Pisten herumkurven, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind, in Wüstengegenden seine Wassertanks füllen, bei jedem Einkauf in einem neuen Laden mit neuen und unbekannten Lebensmitteln sein Menü zusammenstellen, über stinkenden Märkte schweifen, um frisches Gemüse und Fleisch zu erfeilschen, bei Mechanikern vorsprechen, die kaum mehr Ahnung als ich selbst von Reparaturen haben, beim Tanken stets darauf achten, dass kein falscher Sprit eingefüllt wird, sich frühmorgens bei Minusgraden aus den Federn schälen, eine Standheizung zum Laufen bringen, die ab 3000 Höhenmetern (wo man sie am nötigsten hat) nicht mehr funktioniert, da sie zu wenig Sauerstoff verbrennt, sich bei Wind und Regen zu zweit auf engstem Raum zurechtfinden, in Töpfen auf dem Kochherd sein Duschwasser erwärmen, jahrelang lediglich öffentliche Toiletten nutzen oder irgendwo im Buschwerk ein Loch schaufeln da meilenweit kein WC zu finden ist, bei -49° Spaziergänge unternehmen, bei 35° sein im Morast steckendes Auto aus dem langsam anschwellenden Bach befreien, auf Schlammpisten zu Gott beten, dass wir nicht in eine Schlucht abrutschen, beim Parken des Autos hoffen, dass unsere Dreifachverriegelung und die einschlagsicheren Scheiben einem Einbruch trotzen, in abgelegenen Gegenden akribisch genau die verbleibende Strecke mit dem übrigbleibenden Diesel abgleichen, einer Maus nachspüren, die sich seit Tagen in den verborgensten Winkeln unseres Autos über unsere Vorräte hermacht...
Über all das beklage ich mich nicht. Keiner zwingt uns so unterwegs zu sein. Doch all dies gehört zu einer Reise, die etwas länger als ein paar Monate dauert. Und vielleicht ist es genau dies, was das Reisen so erstrebenswert für uns macht. Lediglich unser Budget engt uns je länger desto mehr ein. Mit mehr Geld in der Reisekassen könnten wir uns bei Kälte ein Hotelzimmer leisten, uns Lebensmittel aus der Heimat einfliegen lassen, das Auto zum Service in die Schweiz verschiffen (hat tatsächlich ein Traveler gemacht!) oder uns den luxuriösen Campingplatz mit WC und Dusche leisten. Geld setzt uns Grenzen und weist uns in die Schranken, dies mag die Kehrseite des Reisens ohne Zeitlimit sein. Wir können damit jedoch gut leben.

Die Landkarte und der Zufall weist uns den Weg
Was aber lässt uns ungebremst die Welt erkunden? Was treibt uns immer weiter? Es gibt gewiss tausend Gründe und unzählige gute Erfahrungen bestätigen, dass wir so weitermachen sollten. Gerade gestern Abend stiessen wir im Gila National Forest unverhofft auf ein wunderbares Camp inmitten des dichten Pinienwaldes: Zwei Tische, zwei Feuerstellen, ein Plumpsklo, neben einem kleinen Bächlein, das fröhlich vorbeiplätscherte und die absolute Ruhe, die diese Berglandschaft ihr Eigen nennt. Wir waren den ganzen Morgen in diesem Wald unterwegs, durchfuhren wilde Schluchten, stoppten unter mächtigen Eichen, die in einer weiten, aber trockenen Flusslandschaft standen, kreuzten kurz darauf eine steppenartige Graslandschaft in der Pronghorn Antilopen vor uns herjagten, stiessen wenig später auf eine verlassene Farm aus der Pionierzeit, rätselten an Weggabelungen, welchen Weg wir einschlagen wollten, beschlossen noch weit gen Süden zu fahren, doch dann war alles plötzlich wieder ganz anders, als wir dieses einsame Waldcamp entdeckten und entschieden den Nachmittag und die Nacht hier zu verbringen.  
So ergeht es uns fast täglich, wir lassen uns treiben, ohne festen Plan, ohne genaues Ziel. Wir können es uns leisten, denn die Zeit setzt uns keine Grenzen. Wenn wir planen, dann sind es Punkte auf der Landkarte, die uns magisch in ihren Bann ziehen und die wir anpeilen. Doch gar oft stimmt die Peilung nur ungenau, schnell weichen wir vom Weg ab und schon sind wir wieder mitten drin im Entdecken und Erforschen uns unbekannter Orte und Landschaften. So landen wir vielleicht mitten in einem Städtchen, in welchem einem der Charme des Wilden Westens vorgegaukelt wird, oder wir kommen ins Gespräch mit einem ehemaligen Tankwart, der sich noch an die goldenen Zeiten der legendären Route 66 besinnen mag. Oder aber wir sind in einem der zahlreichen Indianerreservate unterwegs und staunen über deren Lebensweise, die zwischen Tradition und den Auswüchsen der modernen Zivilisation hin- und herschwankt.

Bitte keine Tankstelle
Für uns ist das Auffinden eines guten abendlichen Camps ein wichtiger Teil des zufriedenstellenden Reisens. Wir lieben es auf Klippen, über die der Wind säuselt, zu nächtigen, in Tälern an einem klaren Fluss zu sitzen, den Blick über die Weite der Prärie schweifen zu lassen, an einem Wasserloch darauf zu warten, welche Tiere sich einfinden mögen oder einfach auf einem Berggipfel von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang das Himmelsfeuer geniessen zu können. Wir können schon lange nicht mehr nachvollziehen, wie sich viele Traveler auf kommerziellen Campingplätzen, wo man in Reih und Glied eng nebeneinander parkt, wohlfühlen können, wie sie auf Supermarktparkplätzen die Nacht verbringen, an Autobahnraststätten oder an Tankstellen ihr Lager errichten oder einfach neben der Landstrasse auf einer staubigen Ausbuchtung zu nächtigen vermögen. Wir ziehen es vor, die Nächte in vollkommener Ruhe zu verbringen, an einem Ort, wo wir unser Lagerfeuer prasseln lassen können, an einem Ort, an dem kein Lichtschein einer fernen Stadt das Funkeln der Sterne beeinträchtigen kann. Wenn dann die Kojoten heulen, die Erdhörnchen im Laub rascheln oder riesige Motten um unser Auto tanzen, fühlen wir uns wohl.
Für viele Reisende ist es schwer verständlich, wie wir diese Abgeschiedenheit, fernab von Mensch und Zivilisation, so lieben können. Wir sind manchmal Tage unterwegs ohne jemandem zu begegnen, wir campen an Orten, an denen kaum je ein Mensch zuvor genächtigt hat, wir durchqueren Wüsten, so leer, dass sie für viele ein no-go darstellen. Diese Leere ist für viele nicht verkraftbar, die Stille zu überwältigend und die Ferne zur Zivilisation zu beängstigend.

Finanzen
Ja und wieviel kostet denn so ein spassiges Leben wie wir es führen? Da muss man und frau ganz schön 'was auf der hohen Kante haben. Oder ist PKZ am Werk? Nun, Papa zahlt mal gar nichts und auf der hohen Kante muss man auch nicht allzu viel haben. Für uns ist Unterwegssein um einiges günstiger als in der Schweiz zu weilen (und gleichzeitig zu arbeiten). Kathrin führt darüber ziemlich genau Buch. Wir brauchen, um das Kind gleich beim Namen zu nennen, je nach Reisegegend zwischen CHF 1100.- und CHF 1800.- pro Monat und pro Person. Da sind alle Reisekosten beinhaltet, der Unterhalt des Autos, Dieselkosten, Lebensmittel, mindestens ein Heimflug pro Jahr, Krankenkassen, AHV-Zahlungen ja sogar die Minuszinsen auf unseren schwindenden Ersparnissen. Während den vierzehn Jahren, die wir im Engadin arbeitstätig waren, konnten wir hierfür genug Geld auf die Seite legen.  

Endspurt
Ja vor über fünf Jahren sind wir gestartet. Es ging quer durch Russland, einige Stan-Länder, die Mongolei, rüber nach Japan, dann Australien und anschliessend kreuz und quer durch alle Amerikas. Noch haben wir erst einen kleinen Teil der Welt kennenlernen dürfen, die Ideen und Reiseziele gehen uns noch lange nicht aus. Das südliche Afrika würde uns reizen, aber auch in Russland weiterschnuppern, die arabischen Länder mit ihren faszinierenden Kulturen und Wüsten oder das südliche Europa erkunden. Unser Auto läuft noch fast so gut wie am ersten Tag, 219'000 Kilometer sind wir weit gekommen. Als nächstes geniessen wir die Wärme der südlichen USA bevor wir den Sommer im hohen Nordosten Kanadas verbringen wollen. Doch dann schieben uns die enger werdenden finanziellen Möglichkeiten erstmals einen Riegel vor, aber auch der Wunsch, einmal ein paar Quadratmeter mehr sein Eigen nennen zu dürfen, wieder einmal an einem soliden Tisch zu essen, in einer Küche, die mehr als zwei Gasflammen und 1/10 qm Arbeitsfläche bietet, zu kochen oder in ein Bett kriechen zu können, das einem mehr als 65cm Ausdehnbreite bietet. Wir freuen uns auf die verbleibenden Monate, aber auch auf die Rückkehr zu gutem Käse, knusprigem Brot, Familie und Freunde, effizientem öffentlichem Verkehr, sauberen Laken und einer Abwaschmaschine...



Liebe Leser/-innen. Falls ihr es bis hierher geschafft habt, seid ihr nun wohl mit einigen Informationen und philosophischen Gedanken eingedeckt worden. Ich hoffe es war nicht allzu langweilig. Eigentlich müsste ich an dieser Stelle noch von unseren „Reise-Erhol-Monaten“ auf der Baja California schreiben, doch aus der Erfahrung meiner früheren Rundbriefe, weiss ich, dass das eh keiner mehr lesen würde, und so will ich den Kreis schliessen, indem ich meine Ursprungsidee aufgreife und euch doch noch einige Fotos unserer Baja-Zeit aufs Netz stelle. So kommen all die eifrigen „bis-zum-bitteren-Ende-Leser“ bei Klicken auf diesen LINK in den Genuss des „Sich-durch-die-Fotos-blätterns“.


Mit herzlichen Grüssen
Andreas Kramer



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Ups, da waren's plötzlich fünf Jahre!


Liebe Leserschaft

gleich vorweg, ich wollte mich in diesem Rundbrief kurz  halten. Kurz aus dem Grund, weil Lesen eure kostbare Zeit in Anspruch nimmt, und wer hat davon schon genug? Ich wollte eigentlich lediglich ein paar Bilder auf's Netz stellen, da kann sich jeder durchklicken und klicken läuft ja geschwinder als sich durch Buchstaben wälzen. Nun es kommt aber anders:

Hätten wir mit Kathrins Vater nicht einen äusserst eifrigen follower (dem sagt man glaube ich so), hätten wir unser fünfjähriges Reisejubiläum prompt verpasst! Er verfolgt Kathrins Website und hat den Zähler, der unsere Reisetage addiert, genau beobachtet, wie er sich langsam dieser magischen Zahl näherte. Womöglich glaubt ihr uns nicht, dass wir diesen Tag verschwitzten? In einer Zeit, wo Zahlen, Rekorde, jährlich steigende Gewinnzahlen, Börsensprünge und Bitcoinexplosionen den Rhythmus unserer Gesellschaft bestimmen, kann es doch nicht sein, dass man so ein Fünfjähriges vergisst?  
Bei uns ticken die Uhren etwas anders, wir gehören zu den Glücklichen, bei denen Zeit in Fülle vorhanden ist, dafür Finanzen eher bescheiden daherkommen. Wir können euch also nicht von unserer neuen Lohnerhöhung, unserem netten Bonus oder unseren spekulativen Ausbeutungen berichten, sondern lediglich davon, wie es ist, am Abend ins Bett zu fallen und nicht zu wissen, wie der kommende Tag sich gestalten wird. Denn der kann tausend Formen annehmen; vielleicht ist es eine schnurgerade Teerstrasse, die uns flugs einhundert Kilometer weiter führt oder eine staubige Piste, welche uns durch menschverlassene Gegenden zu unerwarteten Sehenswürdigkeiten bringt.  
Schon lange rennen wir nicht mehr den gross angepriesenen Sehenswürdigkeiten hinterher, da wo sich die Menschenmassen fürs Selfie sammeln, da wo keine Besichtigung ohne die Durchquerung des Souvenirshops möglich ist, da wo einen das vermeintliche Abenteuer, die ultimative Action oder der absolut irre Adrenalinkick erwarten oder da wo einem vorgegaukelt wird, dass man das Wahre, Unverfälschte und Ursprüngliche entdecken wird.

Von Geheimtipps und Reiseführern
In fünf Jahren hat sich unser Reisestil geändert, der Lonely Planet ist zum Leitfaden geworden wohin unserer Wege NICHT führen sollten. Wir erkunden viel lieber Orte, die unverhofft vor uns, wie eine Fata Morgana, erscheinen und viel lieber lassen wir unseren Blick über die Landkarten schweifen, in der Zuversicht eine versteckte Gegend zu finden, die wir in ihrer Fülle und Einzigartigkeit geniessen können. Wir ecken schon lange bei anderen Reisenden, oder wie es zu neudeutsch heisst „Travelern“, an, wenn wir erzählen, dass wir Macchu Picchu, Ayers Rock, Niagarafälle, Denali Nationalpark, Great Barrier Reef, Galapagos Inseln oder Rio de Janeiro links liegen liessen. Wir geben uns Mühe Interesse zu zeigen, wenn Reisenden uns ihre „Geheimtipps“ verraten. Allermeist sind es Ratschläge, die in den gängigen Reiseführern eh zu finden wären. Auch wir waren lange mit solchen Reisebüchern unterwegs, doch wenn man sie einmal genauer miteinander vergleicht, wird man erstaunt sein, dass in allen fast das Gleiche steht inklusive Unwahrheiten und Fehler, welche der eine Autor dem anderen unverfroren abschreibt!

Sind wir deshalb bessere „Traveler“?
Nein, wir sind einfach anders. Wir haben uns für diese Reiseart entschieden und sind unendlich dankbar, dass sich 99% der Reisenden an die Highlights klammern und dabei glücklich werden. Keinesfalls wollen wir unsere Reiseart jemandem aufschwatzen, ich möchte lediglich versuchen euch eine Idee davon zu geben, wie man fünf Jahre auf drei (grosszügig gerechnet vier) Quadratmetern Heimfläche, an täglich wechselnden Überachtungsorten und mit Millionen neuer Eindrücke unterwegs sein kann und will.  
Wie erwähnt spielt Zeit für uns keine Rolle, von ihr verfügen wir endlos viel. So spielt es keine Rolle, wenn wir einmal, wie heute, unseren Automotor ruhen lassen, den Laptop mit dem Strom der Solarzelle füttern und den Tag von der ruhigen Seite angehen. Draussen bläst der Wind gerade unangenehm, und so fällt mir das Schreiben im Auto leichter. Doch meist halten wir uns im Freien auf, immer wieder nehmen wir unsere Feldstecher hervor, denn an jedem neuen Camp entdecken wir uns unbekannte Vogelarten, mit etwas Glück streift ein Bär vorbei, eine Antilope lugt herein oder kleine Nager umtanzen unser Lager. Sind wir 'mal an einem nicht so einsamen Ort, können wir mit anderen Campern einen Schwatz abhalten oder uns an ihr Lagerfeuer gesellen.

Ameisen im Hintern
Doch die Tage der Musse und des Stillstands sind bei uns rar. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind wir immer auf Achse, stets zieht es uns weiter, denn hinter jeder Kurve, jeder Kuppe verbirgt sich etwas Neues und Unbekanntes. So stossen wir unendlich oft auf Orte, die für uns spannend und entdeckenswert sind. Dieser Drang hat schon fast addictive Züge angenommen, „Ameisen im Hintern“ beschreibt dieses Gefühl wohl am besten. Mit jedem Reisetag wird uns klarer, wie unerschöpflich und unergründlich gross die Erde ist. Wir meinen ab und an, irgendwie alles erkunden zu wollen, doch am Abend eines anstrengenden Tages merken wir, dass wir erneut nur 120km geschafft haben und wir tausend Seitenpisten links liegen lassen mussten, da sogar für uns die Zeit nicht ausreicht, sie alle zu erkunden. Diese Sucht immer mehr sehen zu wollen, immer wieder aufzubrechen, um das Stück hinter dem Horizont zu erkunden, ist gewiss sehr ermüdend.  

Langzeitreisen ist nicht immer erholsam
Gerade habe ich in der Engadiner Post einen Bericht darüber geschrieben, wie wir uns in den Wintermonaten auf Baja California vom Reisen erholen mussten. Reisende, die sich von Reisen erholen müssen, das ist doch völlig bescheuert! Ja, da würde ich im allgemeinen auch beisteuern, doch Reisen ist nicht unbedingt Ferien machen. In der Hängematte liegen, einen dicken Schmöker verschlingen, am Hotelbuffet schlemmen, eine geführte Wanderung durch die Berge unternehmen, sich morgens eine wohltuende Massage gönnen und am Nachmittag an der Bar 'was schnappen, gibt es Schöneres? So stelle ich mit Ferien vor. Schön ist das, doch zum Langzeitreisen gehört manches mehr und einiges ist nicht immer schön und ein Zuckerschlecken:
Sich bei jedem Grenzwechsel um eine neue Autohaftpflichtversicherung kümmern, auf Pisten herumkurven, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind, in Wüstengegenden seine Wassertanks füllen wollen, bei jedem Einkauf in einem neuen Laden mit neuen und unbekannten Lebensmitteln sein Menü zusammenstellen, über stinkenden Märkte schweifen, um frisches Gemüse und Fleisch zu erfeilschen, bei Mechanikern vorsprechen, die kaum mehr Ahnung als ich selbst von Reparaturen haben, beim Tanken stets darauf achten, dass kein falscher Sprit eingefüllt wird, sich frühmorgens bei Minusgraden aus den Federn schälen, eine Standheizung zum Laufen bringen, die ab 3000 Höhenmetern (wo man sie am nötigsten hat) nicht mehr funktioniert, da sie zu wenig Sauerstoff verbrennt, sich bei Wind und Regen zu zweit auf engstem Raum zurechtfinden, in Töpfen auf dem Kochherd sein Duschwasser erwärmen, jahrelang lediglich öffentliche Toiletten nutzen oder irgendwo im Buschwerk ein Loch schaufeln da meilenweit kein WC zu finden ist, bei -49° Spaziergänge unternehmen, bei 35° sein im Morast steckendes Auto aus dem langsam anschwellenden Bach befreien, auf Schlammpisten zu Gott beten, dass wir nicht in eine Schlucht abrutschen, beim Parken des Autos hoffen, dass unsere Dreifachverriegelung und die einschlagsicheren Scheiben einem Einbruch trotzen, in abgelegenen Gegenden akribisch genau die verbleibende Strecke mit dem übrigbleibenden Diesel abgleichen, einer Maus nachspüren, die sich seit Tagen in den verborgensten Winkeln unseres Autos über unsere Vorräte hermacht...
Über all das beklage ich mich nicht. Keiner zwingt uns so unterwegs zu sein. Doch all dies gehört zu einer Reise, die etwas länger als ein paar Monate dauert. Und vielleicht ist es genau dies, was das Reisen so erstrebenswert für uns macht. Lediglich unser Budget engt uns je länger desto mehr ein. Mit mehr Geld in der Reisekassen könnten wir uns bei Kälte ein Hotelzimmer leisten, uns Lebensmittel aus der Heimat einfliegen lassen, das Auto zum Service in die Schweiz verschiffen (hat tatsächlich ein Traveler gemacht!) oder uns den luxuriösen Campingplatz mit WC und Dusche leisten. Geld setzt uns Grenzen und weist uns in die Schranken, dies mag die Kehrseite des Reisens ohne Zeitlimit sein. Wir können damit jedoch gut leben.

Die Landkarte und der Zufall weist uns den Weg
Was aber lässt uns ungebremst die Welt erkunden? Was treibt uns immer weiter? Es gibt gewiss tausend Gründe und unzählige gute Erfahrungen bestätigen, dass wir so weitermachen sollten. Gerade gestern Abend stiessen wir im Gila National Forest unverhofft auf ein wunderbares Camp inmitten des dichten Pinienwaldes: Zwei Tische, zwei Feuerstellen, ein Plumpsklo, neben einem kleinen Bächlein, das fröhlich vorbeiplätscherte und die absolute Ruhe, die diese Berglandschaft ihr Eigen nennt. Wir waren den ganzen Morgen in diesem Wald unterwegs, durchfuhren wilde Schluchten, stoppten unter mächtigen Eichen, die in einer weiten, aber trockenen Flusslandschaft standen, kreuzten kurz darauf eine steppenartige Graslandschaft in der Pronghorn Antilopen vor uns herjagten, stiessen wenig später auf eine verlassene Farm aus der Pionierzeit, rätselten an Weggabelungen, welchen Weg wir einschlagen wollten, beschlossen noch weit gen Süden zu fahren, doch dann war alles plötzlich wieder ganz anders, als wir dieses einsame Waldcamp entdeckten und entschieden den Nachmittag und die Nacht hier zu verbringen.  
So ergeht es uns fast täglich, wir lassen uns treiben, ohne festen Plan, ohne genaues Ziel. Wir können es uns leisten, denn die Zeit setzt uns keine Grenzen. Wenn wir planen, dann sind es Punkte auf der Landkarte, die uns magisch in ihren Bann ziehen und die wir anpeilen. Doch gar oft stimmt die Peilung nur ungenau, schnell weichen wir vom Weg ab und schon sind wir wieder mitten drin im Entdecken und Erforschen uns unbekannter Orte und Landschaften. So landen wir vielleicht mitten in einem Städtchen, in welchem einem der Charme des Wilden Westens vorgegaukelt wird, oder wir   kommen ins Gespräch mit einem ehemaligen Tankwart, der sich noch an die goldenen Zeiten der legendären Route 66 besinnen mag. Oder aber wir sind in einem der zahlreichen Indianerreservate unterwegs und staunen über deren Lebensweise, die zwischen Tradition und den Auswüchsen der modernen Zivilisation hin- und herschwanken.

Bitte keine Tankstelle
Für uns ist das Auffinden eines guten abendlichen Camps ein wichtiger Teil des befriedigenden Reisens. Wir lieben es auf Klippen, über die der Wind säuselt, zu nächtigen, in Tälern an einem klaren Fluss zu sitzen, den Blick über die Weite der Prärie schweifen zu lassen, an einem Wasserloch darauf zu warten, welche Tiere sich einfinden mögen oder einfach auf einem Berggipfel von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang das Himmelsfeuer geniessen zu können. Wir können schon lange nicht mehr nachvollziehen, wie sich viele Traveler auf kommerziellen Campingplätzen, wo man in Reih und Glied eng nebeneinander parkt, wohlfühlen können, wie sie auf Supermarktparkplätzen die Nacht verbringen, an Autobahnraststätten oder an Tankstellen ihr Lager errichten oder einfach neben der Landstrasse auf einem staubigen Pullout zu nächtigen vermögen. Wir ziehen es vor, die Nächte in vollkommener Ruhe zu verbringen, an einem Ort, wo wir unser Lagerfeuer prasseln lassen können, an einem Ort, an dem kein Lichtschein einer fernen Stadt das Funkeln der Sterne beeinträchtigen kann. Wenn dann die Kojoten heulen, die Erdhörnchen im Laub rascheln oder riesige Motten um unser Auto tanzen, fühlen wir uns wohl.
Für viele Reisende ist es schwer verständlich, wie wir diese Abgeschiedenheit, fernab von Mensch und Zivilisation, so lieben können. Wir sind manchmal Tage unterwegs ohne jemandem zu begegnen, wir campen an Orten, an denen kaum je ein Mensch zuvor genächtigt hat, wir durchqueren Wüsten, so leer, dass sie für viele ein no-go darstellen. Diese Leere ist für viele nicht verkraftbar, die Stille zu überwältigend und die Ferne zur Zivilisation zu beängstigend.

Finanzen
Ja und wieviel kostet denn so ein spassiges Leben wie wir es führen? Da muss man und frau ganz schön 'was auf der grossen Kante haben. Oder ist PKZ am Werk? Nun, Papa zahlt mal gar nichts und auf der hohen Kante muss man auch nicht allzu viel haben. Für uns ist Unterwegssein um einiges günstiger als in der Schweiz zu weilen (und gleichzeitig zu arbeiten). Kathrin führt darüber ziemlich genau Buch. Wir brauchen, um das Kind gleich beim Namen zu nennen, je nach Reisegegend zwischen CHF 1100.- und CHF 1800.- pro Monat und pro Person. Da sind alle Reisekosten beinhaltet, der Unterhalt des Autos, Dieselkosten, Lebensmittel, mindestens ein Heimflug pro Jahr, Krankenkassen, AHV-Zahlungen ja sogar die Minuszinsen auf unseren schwindenden Ersparnissen. Während den vierzehn Jahren, die wir im Engadin arbeitstätig waren, konnten wir genug Geld auf die Seite legen.  

Endspurt
Ja vor über fünf Jahren sind wir gestartet. Es ging quer durch Russland, einige Stan-Länder, die Mongolei, rüber nach Japan, dann Australien und anschliessend kreuz und quer durch alle Amerikas. Noch haben wir erst einen kleinen Teil der Welt kennenlernen dürfen, die Ideen und Reiseziele gehen uns noch lange nicht aus. Das südliche Afrika würde uns reizen, aber auch in Russland weiterschnuppern, die arabischen Länder mit ihren faszinierenden Wüsten oder das südliche Europa erkunden. Unser Auto läuft noch fast so gut wie am ersten Tag, 219'000 Kilometer sind wir weit gekommen. Als nächstes geniessen wir die Wärme der südlichen USA bevor wir den Sommer im hohen Nordosten Kanadas verbringen wollen. Doch dann schieben uns die enger werdenden finanziellen Möglichkeiten erstmals einen Riegel vor, aber auch der Wunsch, einmal ein paar Quadratmeter mehr sein Eigen nennen zu dürfen, wieder einmal an einem soliden Tisch zu essen, in einer Küche, die mehr als zwei Gasflammen und 1/10 m2 Arbeitsfläche bietet, zu kochen oder in ein Bett kriechen zu können, das einem mehr als 65cm Ausdehnbreite bietet. Wir freuen uns auf die verbleibenden Monate, aber auch auf die Rückkehr zu gutem Käse, knusprigem Brot, Familie und Freunde, effizientem öffentlichem Verkehr, sauberen Laken und einer Abwaschmaschine...



Liebe Leser/-innen. Falls ihr es bis hierher geschafft habt, seid ihr nun wohl mit einigen Informationen und philosophischen Gedanken eingedeckt worden. Ich hoffe es war nicht allzu langweilig. Eigentlich müsste ich an dieser Stelle noch von unseren „Reise-Erhol-Monaten“ auf der Baja California schreiben, doch aus der Erfahrung meiner früheren Rundbriefe, weiss ich, dass das eh keiner mehr lesen würde, und so will ich den Kreis schliessen, indem ich meine Ursprungsidee aufgreife und euch doch noch einige Fotos unserer Baja-Zeit aufs Netz stelle. So kommen all die eifrigen „bis-zum-bitteren-Ende-Leser“ bei Klicken auf diesen LINK in den Genuss des „Sich-durch-die-Fotos-blätterns“.


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