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2. Newsletter vom Oktober 2013

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Wieder führt uns die russische Topokarte an einen Ort, der in keinem Reiseführer der Welt beschrieben ist. Seitdem wir Boden der ehemaligen UdSSR betreten haben sind diese Karten unser steter und zuverlässiger Begleiter. In Russland zu navigieren ist eine Kunst für sich. Es gibt Strassenkarten und -Atlanten, doch auf denen ist nicht ein Bruchteil der unzählbaren Strässchen und Pisten aufgeführt, die sich wie ein Labyrinth durch das grösste Land der Erde winden. Wir haben glücklicherweise hunderte von Kartenblättern auf unserem Bordcomputer installiert, die uns dank GPS Verbindung immer wissen lassen, wo wir sind und wie es weitergehen könnte. Ja könnte, denn der Haken an der Geschichte ist, dass dieses Kartenmaterial etwas in die Jahre gekommen ist, genauer gesagt schon mal dreissig oder vierzig Jährchen auf dem Buckel hat. Doch etwas Aktuelleres gibt es nicht und so kann es – trotz der erstaunlichen Detailtreue - schon passieren, dass unser Weg plötzlich in einem neuen Stausee endet oder von dichtem Birkenwald überwuchert ist.


So sieht unser Alltag aus. Erkunden, Staunen, Bewundern und Entdecken. Russland hält uns nach unserem Abstecher gen Kirgisistan und Kasachstan erneut knapp zwei Monate in Atem. Wobei Russland ein sehr weit gefasster Begriff ist. Wir waren unterwegs in Khakasien, Tuva, Kemerovo, Buriatien, Krasnoyarsk und Altai. Alles klar? Ich denke dem einen oder anderen sagt dies nicht allzu viel, daher versuche ich es mit dieser Landkarte, welche das von uns bereiste Gebiet in etwa zeigt:



Überraschungen sind uns immer willkommen und so fahren wir ab und an entlang den klitzekleinsten Linien, die wir auf der Karte ausfindig machen können, in der Zuversicht, dass sie uns an einen spannenden Ort bringen mögen. Ob spannend oder nicht, das ist Ansichtssache, aber gewiss magisch wirken Orte und Stätten auf uns, die mit tausenden Gebetstüchern geehrt werden: Pässe, Quellen, alte riesige Bäume oder stille Flussläufe sind für einen Grossteil der hiesigen Bevölkerung, welcher dem buddhistischen Glauben angehört, wichtig genug, dass bei der Durchfahrt ein kurzer Stopp eingelegt wird um sie in Ehren zu halten.

Es sind nicht mehr die „Russen“, die diesen südlichen Teil Sibiriens bewohnen, es sind Völker, Minderheiten und Stämme; Buriaten, Mongolen, Tuviner und viele weitere mehr. Auf den ersten Blick sehen sie vielleicht aus wie Chinesen, obwohl es DEN Chinesen ja sowieso nicht gibt, doch mit etwas Übung erkennt man vielerlei Unterschiede: Breitere Nasen, flachere Stirn, geschlitztere Augen, markigere Wangenknochen. Genau wie bei uns, den Zürcher erkennt man ja auch an der grossen Schnörre, den Waadtländer an der roten Nase…


Lange ist’s her

Sind es die Skythen, die hier vor Tausenden Jahren in einem Reich mit ausgesprochen hoher gesellschaftlicher Entwicklung lebten, oder ist es die vielfältige Landschaft, welche uns mehr in Bann zieht? Wir wissen es nicht, denn beide beeindrucken uns immer aufs Neue: Die archäologischen Grabungen von Arshan brachten einen Goldschatz hervor, der vom Ausmass und Pracht alles bis anhin gekannte in den Schatten stellt. Man rätselt, wie es die Goldschmiede fertig brachten derart feingliedrige Schmuckstücke zu fabrizieren, denn bis heute brachte es kein Schmuckfachmann zustande Gleichartiges anzufertigen. Von weit gewichtigerem Ausmass sind die riesigen Steinstelen, die als stumme Zeugen früherer Zivilisationen in den Weiten Khakasiens zu finden sind. Stelen die keinen Vergleich mit Stonehenge in England zu scheuen brauchen. Meterhoch stehen sie in langen Reihen in der weiten Landschaft und warten darauf von uns besucht zu werden. Doch hier sind keine Zäune oder Kassenhäuschen vorzufinden, keine Öffnungszeiten zu beachten und gewiss steht niemand beim Fotografieren im Wege.


Angst einflössende Leere

Es ist die Unendlichkeit Russlands, die uns tagein, tagaus gefangen hält. Wobei es eher eine Befreiung ist, denn diese Dimensionen sind faszinierend aber auch beängstigend zugleich: Jedes Mal, wenn wir einen Hügel besteigen blicken wir in die Endlosigkeit: Wie ein samtenes Tuch überzieht Wald, grün, dicht und undurchdringbar die Landschaft. Kein Haus, keine Strasse, nicht der Funken eines menschlichen Eingriffes ist auszumachen. Danach fahren wir stundenlang auf staubigen Pisten durch diese Unermesslichkeit. Wir blicken aus dem Fenster, suchen nach einem Pfad, einer Lücke im Dickicht, einem Unterbruch im Grün, aber vergebens. Wo ist der Anfang, wo das Ende? Wäre nicht das schmale Band unserer Strasse, wir verlören jegliche Orientierung, wären verschollen wie eine Sternschnuppe im Universum. Wir sehnen Anhaltspunkte herbei, versuchen vergeblich Distanzen zu erahnen. In unserer Magengegend bildet sich ein Klumpen, ein Frösteln kriecht den Nacken hoch und ein Funken Angst kommt auf.


Unvergifteter Dinge

Wie gross ist das Risiko in Russland an einer Pilzvergiftung zu sterben? Gewaltig, denn Midsommer warten die Bauern am Strassenrand mit Unmengen frisch gepflückter Pilze geduldig am Strassenrand auf einen Käufer. Ja die Russen sind wohl Weltmeister im Pilzepflücken und ihr Angebot reicht von Steinpilzen über Pfifferlinge zu uns vollkommen unbekannten Sorten, welche in Sechs-, Acht- oder Zehnlitereimern angeboten werden. Natürlich ist jeder ein Pilzfachmann und so besteht ja keinerlei Risiko mal was Falsches eingeeimert zu haben. Was soll’s? Wir können nicht widerstehen und beschliessen uns mit Pfifferlingen, die ja irgendwie unverwechselbar aussehen, einzudecken. Doch was macht unser Kleinhaushalt, bestehend aus Kathrin, mir und natürlich unserem Frosch mit sechs Litern Pilzen? Wir lassen unsere Fantasie spielen und wie ihr seht, wir leben noch…


City life

Sibirien besteht aber nicht nur aus Natur und geschichtslastiger Kultur, nein hier gibt es alle paar Tausend Kilometer auch eine Stadt zu besuchen. Womöglich ist Tomsk diejenige, welche uns am besten gefallen hat. Nachdem wir in den sumpfigen Weiten der Taiga einige Tausend Morde auf dem Gewissen hatten (die Stechmücken sind wohl mit 10 hoch zwanzigtausend Exemplaren die weit verbreitetste und meist gehasste Spezies der Welt) können wir uns in der mittelgrossen Stadt im Norden erholen. Reich verzierte Holzhäuser, die derweil wie Paläste daherkommen, mächtige, frisch renovierte orthodoxe Kathedralen mit funkelnden Zwiebeltürmen oder auch protzige, stalinistische Wohnbauten säumen die Strassen, welche mit viel Liebe mit kaleidoskopisch anmutenden Blumenbeeten verzuckert sind. Strassencafés locken mit Kaffee Americano, im Stadtpark plantschen die Kids in den Brunnen, die Teenager turteln im Vergnügungspark um die Wette, Liebespaare futtern Zuckerwatte und die Rentner lamentieren auf den Bänken über Gott und die neue Welt. Der Sommer in Sibirien ist kurz aber umso intensiver. Die langen und oftmals heissen Tage werden vollends genutzt und das Leben genossen.


Skifahren oder so

Gähnend verkauft uns eine etwas grimmig dreinblickende Dame eine Fahrkarte für den Sessellift in das verwaiste Skigebiet oberhalb Sheregeshs. Die Frage, ob wir auch nur eine einfache Fahrt haben könnten, scheint sie nicht zu verstehen. Wer ist den so verrückt und will den ganzen Berg zu Fuss herunterlaufen? Das ist nicht Programm, entweder hoch und runter oder gar nichts. Wir verstehen rasch, dass das mit Runterlaufen eh nicht funktionieren würde, denn Wanderwege präsentieren sich hier als undurchdringliche Dschungelpfade, falls man sie überhaupt aufstöbern kann. Wir machen dann aber trotzdem einen Weg ausfindig, der noch ein gutes Stück weiter den Berg hochführt zu einem gigantischen Kreuz aus unzerstörbarem, massigem Sowjetstahl. Der Weg dorthin besteht zuerst aus tief eingegrabenen Spuren von Quadfahrzeugen, dann verzweigt er sich in ein Sumpfgebiet, das, je höher wir steigen, desto mehr zu einem Moor wird. Schwarzbraun verdreckt erreichen wir nach zwei Stunden unser Ziel und werden mit einer wunderbaren Aussicht belohnt, welche die Mühe mehr als Wert war.


Sommerleben

Wenn die Russen auch nicht unbedingt das grosse Wandervolk sind, so sind sie gewiss Meister was Campen betrifft. Kein See, keine Bucht, kein noch so kleiner Wasserlauf, der in den warmen Monaten nicht für Picnics oder zum Zelten herhalten muss. Bis zu vier Generationen errichten Zeltstädte, bauen sich gigantische Feuerstellen und beanspruchen hektarweise Wald, welcher munter zu Brennholz zerbröselt wird. Leider gleichen diese Orte nach den Wochenenden meist einer Müllhalde, überall bleiben die von der Zivilisation bunt ersonnenen Emballagen hier im Grünen achtlos zurück. Abfall scheint keinen zu stören, liegt zu viel herum, sucht man sich ein anderes Örtchen, das man ungeniert verunstalten kann. Sibirien ist ja so gross…


Urlaub im Urlaub

Seit fast zwei Monaten bleibt uns Tag für Tag vor Neuem und Faszinierendem die Spucke weg. Und so erstaunt es uns umso mehr, dass wir zum Abschluss unseres Sibirienkapitels auf der Orchon Insel im Baikalsee das Tüpfelchen auf dem i erleben dürfen. Diese 25 x 70km grosse Insel befreit uns endgültig von den uns noch immer verfolgenden Moskitos, schenkt uns einsame, fast schon unberührte und saubere Campplätze, lässt uns Urlaub im Urlaub geniessen. Die Wassertemperatur klettert in stillen Buchten auf über 20°, wir finden Feuerholz, das nicht morsch und modrig aus den Sümpfen herbeigeschafft werden muss, wir laben uns am lokalen Omul Fisch, können ausgiebige Spaziergänge unternehmen, kein Mensch stört uns und wir blicken stundenlang auf die sich millionenfach im grössten See der Erde brechenden Sonnenstrahlen. Glühenden Sonnenuntergängen folgen glasklare Sternennächte, das morgendliche Summen der Libellen kündet den neuen Tag an.


Ja, Sibirien ist eine Reise Wert. Sibirien ist unfassbar weit, unfassbar schön und unfassbar abwechslungsreich. Wir freuen uns jetzt schon im Winterhalbjahr (nachdem wir dann drei Monate Mongolei hinter uns haben), erneut an dessen Schönheit teilhaben zu dürfen.


Lasst es Euch gut gehen!
Es grüssen herzlichst

Andreas, Kathrin und der Frosch



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