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6. Newsletter Oktober 2014

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Liebe Newsletterfreunde

Erneut sind ein paar Monate seit unserem letzten Rundbrief verstrichen. Unseren ersten aus Australien findet ihr gleich hier.



Wenn es kaum mehr besser werden kann


Canning Stock Route: Eines der letzten grossen Abenteuer. 1800km durch den entlegendsten Winkel Australiens, 877 zu querende Sanddünen, schwierigster Track des fünften Kontinents. Das hört sich für echte Reisende doch verlockend an!
Vorab, ich werde hier keinen Abenteuerbericht schreiben, es werden keine Superlative gebraucht und kein Geschwafel von Expeditionen und last frontier stattfinden. Vielmehr veranlasste mich dieser wunderbare Reiseabschnitt zur Reflexion, zu Gedanken wie weit das Thema Reisen vermarktet und hierdurch verkommen ist, und wie die Sicht der Dinge, je nach Perspektive, unterschiedlich aufgenommen und vor allem wiedergegeben wird.



Voller Zuversicht


Wir haben Australien vor neunzehn Jahren schon einmal bereist, sind durch Wüsten und das endlose Buschland gestreift. Tief beeindruckt von diesem Land sind uns unzählige, unvergessliche Momente geblieben. Wie liebten wir es durch das Meer aus Sand, Sträuchern und felsigen Hügeln zu fahren. Über uns den stets tiefblauen Himmel zu haben, die Glut des blutroten Sandes unter unseren Füssen zu spüren und dem Zwitschern und Krächzen der Vogelwelt zu lauschen. Wir zogen unsere Spuren durch menschenleere Gegenden, nur eine schmale Fahrspur wies uns die Richtung. Abends bewunderten wir die rot glühende Kugel der untergehende Sonne und am lodernden Lagerfeuer sitzend, wärmten uns die züngelnden Flammen des ewig brennenden Mulgaholzes.
Wir sind voller Zuversicht, dass die Reise auf der Canning Stock Route erneut wie Balsam für uns sein wird. Abgelegene Weiten, die Pracht des späten Frühlings, die vor Leben überquellenden Wasserstellen, die Horizonte, die von den hohen Sanddünen in endloser Weite zu liegen scheinen und die vielen grossen und kleinen Geheimnisse der zu durchquerenden Wüsten treiben die Temperatur unseres Reisefiebers in Schwindel erregende Höhen.


100 Jahre Geschichte

Die Canning Stock Route ist eine 1800km lange Viehtriebroute, welche Anfang des letzten Jahrhunderts durch einen der abgeschiedensten und damals unbekanntesten Teile Australiens angelegt wurde. Quer durch das riesige Western Australia, von Halls Creek bis nach Wiluna, die Grosse Sandwüste, die Gibson Wüste und die Kleine Sandwüste querend. 51 Brunnenschächte mussten in diesem unwirtlichen Landstrich gegraben werden, um dem Vieh (Rinder) ein Überleben auf dem langen Treck gen Süden zu ermöglichen. Von den reichen Weidegründen des Nordens (wo kaum ein Mensch zu dieser Zeit lebte) zu den hungrigen Goldschürfern des Südens, welche bereit waren, astronomische Summen für ein Stück guten Fleisches zu bezahlen. Ein wahrlich wahnsinniges Projekt, mitten durch diese menschenfeindliche Gegend lebendiges Fleisch zu treiben. 1800km voller Ungewissheit und Risiken: Staubtrockene Salzseen wechseln sich ab mit knietiefem Morast, sengende Hitze zu allen Jahreszeiten, Konflikte mit den Ureinwohnern, giftige Schlangen und stacheliges Spinifexgras. Alle vierzig Kilometer ein Brunnen, gerade so weit konnte man das Vieh an einem Tag vorwärts treiben. Gierig stürzten sich die lebendigen Steaks am Tagesende auf das Wasser, welches mühsam aus den Schächten heraufgehievt werden musste.
Die Stockmen wie die Cowboys hier genannt werden, waren auf sich gestellt, keiner konnte sich einen Fehltritt erlauben, vom Pferd fallen oder von einem Rinderhorn aufgespiesst werden, denn Hilfe war ausser Reichweite. Wochen entfernt der nächste Arzt, Hunderte Kilometer bis zur nächsten Ansiedlung des Weissen Mannes. Für einige endete der Treck in einem sandigen Grab entlang der Route. Auch für Mitglieder von Alfred Cannings Brunnenschachtbautrupp fand die Reise ein jähes Ende inmitten der endlosen Wüsten. Der Aufwand dieses fast schon barbarisch anmutenden Projektes war der Mühe kaum wert. Nur wenige Viehtriebe wurden gen Süden geschickt und 1958, keine 50 Jahre nach dem ersten Erkunden der Strecke, traf das letzte Rind in Wiluna ein.


Der blanke Wahnsinn!

„Ihr habt keine Chance diese Strecke zu fahren! Schon gar nicht von Nord gen Süd, denn die Sanddünen sind viel zu steil auf der Nordseite, zudem knallt die Sonne den ganzen Tag auf deren Flanke (Anm.: Man bedenke wir sind auf der Südhalbkugel) und der Sand wird durch die Hitze weich und unbefahrbar!“einmal macht sich Verunsicherung breit. Ein Klumpen bildet sich in unserer Magengegend, vielerlei Gedanken rasen durch unsere Köpfe.
„Ihr habt allenfalls eine Chance, wenn ihr mit viel Schwung hochbrettert, 3500 Umdrehungen des Motors gleich zu Beginn, und lasst den Reifendruck ganz runter, damit ihr euch nicht eingrabt. Aber auch so schafft ihr es wohl kaum, denn von Norden her müsst ihr die Dünen immer in einer Kurve anfahren und dann springen euch die Reifen von den Felgen!“
Wie sollen wir das meistern? Unser Landcruiser qualmt schon bei 2500 Touren wie eine Dampflok, und unsere Sandfahrerfahrungen von Marokko und der Mongolei sind alles andere als ermutigend. Im nördlichen Afrika scheiterten wir fast an einem 300 Meter langen Dünenfeld, nur mit Schaufeln und Sandblechen schafften wir es hindurch. Bei Dschingis Khan wühlten wir uns nach 20 Versuchen endlich eine einzige Düne hoch, um kurz darauf bei der Abfahrt so stark in Seitenlage zu geraten, dass Kathrin meinte, unser Auto würde kippen.

Und hier? 877 Dünen stehen auf dem Programm, einige Quellen sprechen gar von 1000!
„Ihr braucht so um die 22 Liter Diesel auf hundert Kilometer.“sind 50% Mehrverbrauch, wie um Himmels Willen sollen wir so viel Sprit in unsere Tanks füllen?

Es ist unglaublich was wir zu Ohren bekommen. Es hört sich wie eine glatte Lüge an, wenn uns jemand kurz darauf folgende Geschichte auftischt:
„Bin die Canning auch schon gefahren, ist zwar schon 25 Jahre her. Wir waren mit einem zweiradgetriebenen Pickup und einem VW Käfer unterwegs“
Wie bitte, ein VW Käfer?  
„Sind aber nur drei mal stecken geblieben!“
Wir hören mal dies mal das. Was sollen wir glauben, wo liegt die Wahrheit? In einem Vertrauen erweckenden Internetforum - von eingefleischten Australischen Outbacktourenfahrern gespiesen - loggen wir uns ein und erfahren innert Kürze, dass wir, mit unserem weit gereisten Wissen, keinerlei Probleme haben würden.

Auf all unseren Reisen haben wir die Erfahrung gemacht nicht auf die Ratschläge von Einheimischen zu hören. Dies widerspricht zwar dem in allen Reiseführern abgedruckten Tipp und der allgemeinen Meinung von vielen so genannten Travellern. Doch auch hier halten wir uns an unseren Vorsatz nicht auf die vielen Ratschläge zu hören! Es würde Bände füllen mit welchen Informationen wir versorgt wurden, die nie und nimmer der Wahrheit oder Realität entsprachen. Natürlich ist es naiv einen Peruanischen Hirten nach dem Weg hinter der nächsten Hügelkette zu fragen, wenn er diesige in seinem Leben noch nie überschritten hat. Oder zu meinen, ein urig aussehender Bergler wisse, ob die am Wegesrand wachsenden Beeren essbar seien, wenn des Berglers Horizont nicht über den Stammtisch herausragt. Es bedarf auch einigem Interpretationsvermögens, was ein Wohnmobil fahrender Rentner, inmitten der Weite der Wälder Oregons, mit „just around the corner“ meint, wenn wir zu Fuss, mit schwerem Rucksack nach der Distanz zum nächsten Ort fragen.
Trotz all unserer Prinzipien summen die Ratschläge der Canning Stock Route Fahrer in unseren Köpfen nach. Ein mulmiges Gefühl bleibt, die Ungewissheit verunsichert und der halbwegs vernünftige Menschenverstand spricht gegen das Projekt. Vernünftiger Menschenverstand? Was ist das? Wir wollen ein Gebiet durchfahren, in dem wir im Falle eines gesundheitlichen Problems der gröberen Art eine echte Knacknuss zu lösen haben. Was kann da alles passieren? Das klassische Alptraumszenario des geplatzten Blinddarmes kommt uns in den Sinn, Kathrins Wespenallergie, die Giftschlangen mit denen in Australien wahrlich nicht zu Spassen ist, eine Lebensmittelvergiftung oder ganz einfach, dass unser Auto den Geist aufgibt und wir in gemütlich langsamem Tempo verdursten. Keine Ambulanz oder Rega wird uns hier helfen können, wir sind aus der Luft unerreichbar und auf dem Landweg tagelange Autostrecken von der nächsten Hilfe entfernt.
Wahnsinn? Das zu beurteilen überlasse ich jedem selbst. In der durchschnittlichen Schweizerischen Denkweise wird es wohl als grob fahrlässig einzustufen sein. Welche Versicherungsgesellschaft kann uns da helfen, wie soll das ohne Draht zur Aussenwelt verantwortbar sein? Doch, wem gegenüber sind wir denn verpflichtet?


Schwachsinn Abenteuer

Was für ein Abenteuer! Ist ja der nackte Wahnsinn! Nein ist es nicht. Es gibt wohl unserer Tage kaum einen abgewetzteren Ausdruck als „Abenteuer“. „Outback Abenteuer Cape York“ stand kürzlich im Globetrotter Magazin auf der Titelseite.

Abenteuer Riverrafting, Abenteuer Canyoning, Abenteuer Rifftauchen, Abenteuer Lappland, Abenteuer Velotour durch Blablaistan, Abenteuer Schneeschuhtour. Was ist eigentlich so geil am Ausdruck Abenteuer? Der Wunsch nach dem Extremen, nach etwas Besonderem, nach dem Aussergewöhnlichen? Nun gut, wenn man dem dreifach versicherten guten Schweizerbürger einen Ausflug auf die Rigi als Abenteuer verkaufen kann, Gratulation! Oder für diejenigen, welche sich auf eine Tour zu den Eingeborenen nach Absurdikon aufmachen, mag dies als Abenteuer klingen. Doch was ist daran das Abenteuer?

Wir sind da kein Deut besser, um dies klar zu stellen. Was versprach meine letzte Multivisionsshow? Richtig, ziemlich viel Abenteuer im Land der „Jurten, Jaks & Jogurts“.
Doch wo genau lag da das Abenteuer drin? Und nun? 1800km Outback, 877 Dünen und der ganze Kram. Wir sind bis auf die Zähne bewaffnet, oder in unserem Falle besser ausgedrückt, ausgerüstet wie zur Camel Trophy: Wir fahren ein Auto, das man wohl als den Rolls Royce der 4x4 Fahrzeuge betrachten kann (Toyota Landcruiser HZJ 78 Baujahr 2001, ohne jegliche Elektronik), nennen eine Seilwinde, 70 Meter Bergegurte, einen Erdanker, Sandbleche, Schlammtracks, zwei Reservereifen, Schnee- (bzw. Schlamm-) Ketten, Wasserreinigungssysteme unser Eigen, können bis zu 170 Liter Trinkwasser und 230 Liter Diesel bunkern, schleppen Essen für einen Monat mit uns rum, im 45 Liter Kühlschrank schlummern Frischkäse, Joghurt, Gemüse, Fleisch, kaltes Bier und Mückensalbe, wir sind für alle - oder gegen alle - womöglich einzutreffenden Ereignisse gewappnet. Um das unsrige - und das unserer Angehörigen - Gewissen zu besänftigen, schleppen wir auch ein Satellitentelefon mit, doch für welchen Fall, ist mir nicht ganz klar. Um es etwas überspitzt darzuschreiben, vielleicht für unsere Abschieds-SMS im Falle des geplatzten Blinddarmes, der giftigen Schlange, des Verdurstens…
Nebst all dem Survival Equipment (Überlebenskrempel) schleppen wir Campingsessel, -Stühle, -Hocker mit, begnügen uns mit drei, ja drei Laptops, drei Harddrives, vier Fotokameras, vier Autobatterien, Kompass, Navi, Schaufeln, Mobiltelefonen, Zusatzscheinwerfern, Grillrost, Röstiraffel und Victorinox Sackmessern. Es ist unglaublich was der Reisende unserer Tage zu benötigen meint.

Das ist also unsere Version des Abenteuers. Immer schön auf der sicheren Seite. Ich ertappe mich, wie ich eines Abends auf der Tour fluche, als ich feststelle, dass mein Bier nicht ausreichend gekühlt ist, da sich unabsichtlich der Temperaturregler des Kühlschranks etwas unvorteilhaft verstellt hat. Das sind dann die Probleme, die es zu meistern gilt!


Wir sind unterwegs

Wie mein nicht optimal gekühltes Bier verrät, sind wir dann trotz aller Zweifel und gruseligen Ratschläge aufgebrochen. Der Anfang stand zwar nicht gerade unter optimaler Sternenkonstellation: Zuerst kriegen wir es nicht auf die Reihe in den zwei letzten von uns passierten Städtchen einen Ölwechsel machen zu lassen (die Garagisten waren angeblich derart beschäftigt, dass wir 5 Tage hätten warten müssen), dann stellen wir nach wenigen Kilometern hinter der letzten Behausung fest, dass unser stählernen Unterbodenwassertank Wasser verliert (Schweissnaht defekt) und zu guter letzt sind wir (was ich Kathrin bis nach der Tour verheimliche) mit einem gebrochenen Federblatt gestartet. Eine Reparatur wäre wohl mit geringst einer Woche Warterei verbunden gewesen. Dass wir mindestens 240 Liter Diesel für die zweite Hälfte des Trips benötigen, vernehmen wir bei der letzten Tankstelle. Wir können aber, wie gesagt, nur mal 230 Liter bunkern. Vierzig davon müssen wir in zwei Säurekanister, deren Dichtigkeit ich nicht genau kenne, füllen. Säurekanister? Ja, meine Sparsamkeit trieb mich dazu, am Strand in Japan zwei der unendlich vielen von der Flut angeschwemmte leeren Säureplastikkanister, der mir unbekannten Firma Clover Chemicals, zu bergen, um sie hier zu Dieselkanister umzufunktionieren. Richtige Dieselkanister würden mein Budget zu arg strapazieren, und wenn's Gratisbehälter gibt, dann ist mir das ja immer recht...

Ein, zwei Erklärungen: Die Canning Stock Route lässt sich unserer Tage in zwei Abschnitte teilen (was das „Abenteuer“ etwas schmälert). Zuerst bunkert man in Halls Creek im Norden noch halbwegs zahlbaren Sprit (AU$ 1.84 = CHF 1.56), dann geht es auf guter Piste 170km bis Bililuna, einer auf uns völlig herunter-gekommen wirkende Aborigine Community, wo man nochmals Diesel kriegt (für inzwischen AU$ 2.60 = CHF 2.21). Von dort sind es 800km bis Kunawaritji einer etwas beglückenderen Aborigineansiedlung, in der der Brennstoff dann satte AU$ 3.40 = CHF 2.89 kostet. Aber dann sind 1000 Kilometer und die verbleibenden 700 oder so Sanddünen angesagt, bis man wieder eine Ecke der Zivilisation in Wiluna antreffen wird. Und da sind wir dann bei den 240 Litern Diesel, die man angeblich benötige. Um der Spannung vorweg ein Ende zu nehmen, wir brauchen gerade mal 167 Liter…

Ein Blick auf die Landkarte lässt ein Frösteln aufkommen. Ein wahrlich leeres Gebiet der Grösse Frankreichs, ohne Strassen, Pfade, geschweige denn Ansiedlungen wollen wir durchqueren. Lediglich die schmale Linie der Canning Stock Route zieht sich von Nordost gen Südwest. Nicht etwa eine Trassee, wie wir sie zum „Abenteuer Outback Cape York“ (gemäss Globetrotter Magazin) antrafen, also einer knapp 20 Meter breiten, von mächtigen Planierraupen begradigte Autobahnpiste, auf der man mit 100 Sachen unterwegs sein kann, nein, eine Spur die sich in Tausend Windungen einen Weg durch das Gewirr von Büschen, Bäumen und Sanddünen sucht. Unsere recht präzisen Landkarten zeigen jede einzelne Düne, die uns erwartet. Wie Rippeln am Meeresstrand sind sie in endloser Reihenfolge als braune Linien eingetragen. Beeindruckend das Werk der Kartografen!

1800 km Piste!

Wir klappen schon am zweiten Tag die Rückspiegel des Toyotas zurück, denn Büsche und Bäume wachsen bis dicht an den Pfad, den wir befahren, heran. Es quietscht Furcht erregend, wenn Büsche den Wagenseiten entlang schrammen, oder ein Ast trommelnd über unsere seitlich angemachten Sandbleche rattert.

Immer wieder müssen wir Acht geben, dass sich unsere Fahnenstange am Bug des Autos nicht in den Bäumen verheddert. Nicht, dass wir unsere Nationalflagge spazieren führen, nein, wir haben aus Sicherheitsgründen einen drei Meter Mast mit roten Flatterfähnchen montiert, damit uns entgegenkommende Fahrzeuge einerseits im dichten Buschwerk früher ausmachen können und andererseits, dass wir, wenn wir die spitzen Dünen hinauffahren, von der gegenüberliegenden Seite eher erspäht werden können. Es ist wie in der Geisterbahn; man hat keine Ahnung, was sich hinter der engen Kurve hinter einem Busch verbirgt, oder ob genau in dem Moment, in dem man die Kuppe der Düne erreicht, nicht auch ein Auto von der anderen Seite in Anfahrt ist. Daher die Fahne, die die Schreckensmomente etwas vorher ankündigen vermag.

Wir haben den Trick mit den Dünen sehr schnell raus, es braucht beileibe nie und nimmer 3500 Umdrehungen des Motors, um sie hochzuschiessen. Gewisse Leute scheinen dies zwar so zu machen, denn vor den meisten Dünen haben sich so etwas wie lange Anlaufstrecken gebildet, auf denen die Motoren auf Touren gebracht werden um dann, mit Krachen und viel Rauch und Qualm, die Düne hochzuschiessen. Doch es geht (dank des genialen Dieselmotors des Landcruisers) auch gänzlich anders: Wir haben den richtigen Reifendruck (wenig Luft erhöht die Auflagefläche des Pneus), und im ersten Gang (Normalgetriebe) tuckern wir gemütlich mit maximal 1500 Touren hoch, um im Schritttempo zuoberst auf dem Kamm mit gerade mal 800 Touren anzugelangen. So bleibt der Spritverbrauch minimal, die Düne wird nicht von durchdrehenden Reifen ausgegraben und beschädigt und man minimiert das Risiko mit Schuss auf der Kuppe einen Zusammenstoss zu provozieren oder die nicht immer gerade verlaufende Abfahrt zu „überschiessen“. Nur drei-, viermal funktioniert der Trick nicht, denn bei den grössten Dünen, die schon mal 16 Meter hoch sein können, (was der Höhe eines fünfstöckigen Hauses entspricht), geht unserem Landcruiser der Schnauf aus, die Kraft des Motors reicht nicht aus. Nicht etwa Buddeln und Sandbleche sind dann angesagt, viel einfacher; rückwärts ganz langsam die Düne runter und dann in den untersetzten Gängen genau gleich gemütlich nochmals hochfahren. Basta!

Leider machen das nicht alle Canning Stock Route Fahrer, denn die allermeisten Dünen sind zu Schaukelpartien verkommen. Wer zu schnell hochfährt, gerät unverzüglich ins Schlingern, der Wagen schaukelt sich auf und die Spur wird zur Achs brechenden Schüttelpartie. Es sind nicht tausende Fahrzeuge, welche die Route unter die Räder nehmen, auch wenn ich von drohenden Zusammenstössen und ausgefahrenen Spuren schreibe. Von Oktober bis April, wenn es sommerlich heiss und dann gen Herbst auf Grund einsetzender Niederschläge unpassierbar morastig wird, ist keiner unterwegs, und dazwischen ist im Juli und August am meisten los. Da soll es schon mal fünf, sechs Reisetrupps pro Tag in jeder Richtung haben, doch jetzt, Mitte September treffen wir im Schnitt gerade mal ein einziges Fahrzeug an.
Doch nicht nur enges Buschwerk und haushohe Dünen machen den Track „spannend“, immer wieder, oder besser gesagt viel zu oft, quälen wir uns über schlimmstes Wellblech. Als Wellblech bezeichnet man Pisten, welche eine regelmässige hügelige Oberfläche aufweisen also Wellblech nicht unähnlich. Je schlechter gewartet (in Falle der Canning Stock Route gar nicht) und je mehr befahren, desto ausgebildeter die Unebenheiten. Hervorgerufen wird das Wellblech durch die im Sand stets minimal durchdrehenden Reifen, die durch ihr Spulen mit der Zeit immer ausgeprägtere Hügelchen anhäufen. Man hat zwei Möglichkeiten hier vorwärts zu kommen: Entweder rast man mit fünfzig oder mehr Stundenkilometer über die Hoppeln hinweg, wobei die Räder nur noch die Kämme des Wellblechs berühren oder man schaltet gehörig runter und fährt mit maximal 20km/h jede einzelne Kuhle aus. In ersterem Falle ist man schnell unterwegs, riskiert aber wegen der fehlenden Bodenhaftung aus der Kurve geschleudert zu werden oder man ruiniert sein Auto innert weniger Hundert Kilometer, denn die Vibrationen lockern jede Schraube, zerstören Fahrwerk und die Nerven der Passagiere. Hier draussen einen veritablen Schaden zu haben, ist für uns keine Option und so entscheiden wir uns für die zweite, langsame Variante.

Schon mal mit 20km/h bei 36°C ohne Klimaanlage unterwegs gewesen? Die zu dieser Jahreszeit meist tief stehende Sonne verwandelt das Wageninnere in einen Backofen, der Fussboden wird von der Abwärme des Motors und des Auspuffs derart heiss, dass wir zur Wärmisolation unsere Füsse in Schuhe stecken müssen. Die Lüftung bläst nur Staub und die heisse Motorraumluft ins Wageninnere und der Fahrtwind ist bei dieser Geschwindigkeit nicht wahrnehmbar. Uns ist es ein Rätsel, weshalb Tag für Tag das Quecksilber auf genau 36° oder 37° ansteigt. Wir sind im Spätwinter unterwegs und gemäss Klimatabellen sollten wir maximal 28° haben. Achtundzwanzig sind ja schöne Feriengrade, ab dreissig wird es uns aber schon zu heiss. Doch dann wird jedes Grad unangenehmer, zweiunddreissig sind lähmend, vierunddreissig unerträglich und sechsunddreissig die Hölle. Und das sind die Temperaturen im Schatten und draussen! Unser Thermometer im Wageninnern klettert gerne mal auf 43°! Nein, das macht keinen Spass, uns auf jeden Fall nicht
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Weshalb dann das Ganze auf sich nehmen?

Ganz einfach, weil es so wunderbar schön ist. Das ist nicht ironisch gemeint, denn allein schon das Gefühl hier draussen sein zu dürfen, ist ein Privileg: Das trockene Spinifexgras bildet einen Teppich aus Abermillionen goldener Kronen, der Wind streicht durch das Grün der Wüsteneichen und singt ein sanftes Lied. Tagsüber leuchten die weissen Stämme der Eukalypten wie Leuchtspuren von Feuerwerkskörpern gegen den tief blauen Himmel. Wenn wir so um fünf, eine Stunde vor Sonnenuntergang, unser Nachtlager erreichen, zaubert die Sonne ein warmes Licht über die Weite der Landschaft. Wenn sie dann ihren letzten Strahl über die Wüste schickt, fallen die Temperaturen innert kürzester Zeit ins Angenehme. Dies ist der Moment, wo wir so froh um unseren mitgeschleppten Luxus sind: Die bequemen Klappstühle gen Abendhimmel gerichtet, das perlend kalte Bier in der Linken, das Fernglas in der Rechten. Überall zwitschert es, Insekten tauchen aus dem scheinbaren Nichts auf, summen durch die Luft und bilden das üppige Abendmahl der Vögel. Unsere Augen verfolgen den quirligen Flug der Meisen, Honigfresser, Zaunkönige, Lerchen oder wir wenden und drehen unsere Köpfe nach dem Geschrei der Papageien, die mal Rosa, mal farben wie der Regenbogen über uns hinwegschiessen.

Und schon leuchtet das Kreuz des Südens am Himmel, die Milchstrasse ist zum Greifen nahe. Ich starre fassungslos mit dem Fernglas in das unendliche Himmelsgeflirre, unmessbar ist die Zahl der mal blau, mal rot, mal gelb funkelnden Galaxien, Planeten und Sterne. Geschwind flitzt ein Satellit von rechts nach links, dann von unten nach oben durch die Nacht. Wieder ein Privileg, wo erblickt man sonst einen solchen Nachthimmel? Kein Fremdlicht, keine Luftverschmutzung, kein Dunst am Firmament. Solch ein Sternenmeer durften vor zweihundert Jahren noch alle Menschen unseres Planeten bewundern. Weder Industrieverschmutzung noch künstliches Lichtermeer trübten die Sicht. Unsere Gedanken tanzen herum, kreativ spinnt sich eine Idee an die andere. Momente, welche wir nur hier erleben können, fernab der Alltagsprobleme, der selbst geschaffenen Problem und des menschlichen Leids das unsere Gesellschaft sich Tag für Tag neu erschafft: Fernab des Zivilisationsmülls, wie ich es bezeichnen würde.

Die Nächte sind meist ruhig, so ruhig, dass man nur sein eigenes Herz pochen hört. Doch manchmal, wenn ich auf meinem Feldbett unter dem offenen Himmel liege, raschelt es im Unterholz. Stets hoffe ich, es sei keine Schlange, doch meist sind es Käfer, Eidechsen aber derweil auch mal ein Känguru, ein Emu oder ein Wildhund. Bis auf letzteren sind mir alle sympathisch, auch die Fledermäuse, winzig klein, machen mir nichts aus. Je später die Stunde, desto mehr verkrieche ich mich im Schlafsack. Mal sind es 16°, mal noch 12°, doch es können auch nur noch 8° sein, zur kältesten Stunde, in der die Nacht zum Tage wird und das fahle Morgenlicht im Osten eine Gräue an den Himmel zaubert. Innert Minuten erwacht dann der Tag, die Sonne schiesst wie glühende Lava eines Vulkans empor, schnell weicht das rote Morgenlicht dem kühlen Blau des Tages. Nach einer halben Stunde suchen wir bereits den Schatten auf. Mal hinter einem Busch, mal unter Bäumen oder auch nur hinter unserem Auto. Wenn dann der Wind, stets von der Sonne her säuselnd, durch die Blätter der Eukalypten streicht, verkünden die Geruchsknospen unserer Nasen, das Herannahen der betörenden Düfte der ätherischen Öle dieser urtypischen Australischen Baumart.
Es vergeht kein Tag an dem wir nicht über neue und unbekannte Blumen am Wegesrand staunen. Meist unscheinbare, winzige Blütenstände, farbig wie ein Kaleidoskop. Ganze Teppiche überziehen das Rot des Australischen Wüstensandes.

Dann sind es kniehohe Büsche, deren Blüten sich zwischen das matte Grün des Laubes schmiegen. Wir entdecken wollige, stachelige und vor Feuchtigkeit triefende Blütenstände, dann wieder wunderbare Trockenblumen deren Blüte wir verpassten. Auch die Bäume, meist der Art der „Wattles“ (Akazien) angehörend, stehen in Blüte, dichte gelbe Dolden hängen wie Lametta von den Zweigen. Wir sind nur langsam unterwegs, gierig die Natur geniessend wollen wir alles sehen und in uns aufsaugen.stellen wir uns Reisen vor, nicht von Ort zu Ort hetzend, sondern das in uns aufnehmend, was der Weg bietet.

Wir sind glücklich und zufrieden

Wir befinden uns an Kathrins Geburtstag am denkbar abgelegensten Ort der ganzen Route: Auf einer kleinen Anhöhe haben wir unser Nachtlager errichtet, die südlichst gelegenen Wüsteneichen des fünften Kontinents spenden nochmals Schatten. Der Lake Disappointment - See der Enttäuschung - liegt zu unseren Füssen. See ist der falsche Ausdruck, denn das Weiss der gigantischen Salzpfanne erstreckt sich bis hinter den Horizont. Nur alle paar Jahre läuft hier Wasser in die Senke und bildet für kurze Zeit einen See.

Wir schweben vielerlei Gedanken nach, vergessen Raum und Zeit. Doch dann, gar unverhofft, holt uns die Realität wieder ein. Wo sind wir, was tun, wenn dies oder jedes uns zustösst? Es sind mindestens 500km in jede Himmelsrichtung bis zur nächsten menschlichen Ansiedlung. Tage bis wir sie mit dem Auto erreichen könnten. Zu Fuss schlicht unmöglich…

Vor etwa eineinhalb Jahrhunderten durchquerten die ersten Forscher diesen weiten Landstrich. Wie sehnte man sich danach, einen grossen unbekannten Inlandsee zu entdecken, der weite, fruchtbare Weidegründe versprach. Kein Wunder war es der „See der Enttäuschung“, als man den Lake Disappointment entdeckte.  Wasser ist hier so selten anzutreffen wie Schnee in Jordanien.
Viele Expeditionen machten sich im neunzehnten Jahrhundert auf, um Australien zu erkunden. Stets Männer deren Mut, Ausdauer und Kühnheit ich nur bewundern kann. Sie zogen in die komplette Unbekanntheit, durch Wüsten, in denen noch nie ein Weisser Mensch Fuss gesetzt hatte. Völlig im Dunkeln tappend, was sie erwarten würde. Keine Rega, kein GPS, nicht mal eine Landkarte verschaffte ihnen einen Funken Sicherheit. Sie zogen in kleinen aber auch grossen Karawanen los. Auf sich gestellt, auf Proviant, Pferde und ihr Können angewiesen. Niemand konnte ihnen sagen, worauf sie sich einliessen. Tausende Kilometer durch unbekanntes, wildes Land. Für mich sind dies die einzigen, echten Abenteurer, Menschen die wahrhaftige Gefahren in unbekannten Welten auf sich nahmen.

Kein Vergleich zu dem was wir zwei hier veranstalten: Noch immer feiern wir an diesem abgeschieden Ort Kathrins Geburtstag, wir backen einen Kuchen (Fertigmischung aus dem Supermarkt), verarbeiten unser letztes Fleisch (aus der Frische des eifrig surrenden Kühlschrankes) zu einer Sauce Bolognese, schnippeln Zwiebeln und Paprika für einen Salat und gönnen uns den letzten Tropfen Wein aus dem vier Liter Getränkekarton. Via Satellitentelefon nehmen wir Geburtstags-SMS entgegen und den Luxus einer Dusche können wir uns auch gönnen, konnten wir doch vor kurzem unsere Wasservorräte an einem Senkbrunnen auffrischen. So gesehen gehört das Wort „Abenteuer“ einem verblassten Vokabular an, ein Ausdruck, den man, meiner Ansicht nach, unserer Tage kaum mehr verwenden sollte. Schade, dass es zu einem Freizeit-Pseudo-Superlativ-Schwachsinn-Wort verkommen ist.


Vom Geben und Nehmen

Wenn die Rosakakadus durch die Luft jagen oder ihr Gekrächze das Tuckern unseres Motors übertönt, wissen wir, dass ein Brunnenschacht nicht weit sein kann. Gut die Hälfte der Schächte sind in sich eingestürzt und Wasser unzugänglich, doch im kleineren Teil findet sich noch immer Wasser. Dieses dient einer Vielzahl von Tieren als Tankstelle, denn natürlich vorkommendes Nass findet sich hier nur äusserst selten. Und so streiten sich die Kakadus mit den Schwärmen von Zebrafinken um das kostbare Gut, Kängurus und Dromedare suchen die Wasserstellen auf und Leguane verkriechen sich im kühlen Brunnen. Oft ist das Wasser aber metertief in den alten Schächten verborgen und nur waghalsige Frösche kommen ran. Und so ist es an uns mit dem Drehkreuz das Wasser im eisernen Bottich ans Tageslicht zu fördern.

Dabei tanzen uns Spitzschopftauben wahrlich um die Füsse, vom Durst geplagt, warten sie darauf, dass wir die rostigen Tränken mit Wasser füllen. Sogleich schwirren Schwärme von Bienen und Wespen heran um sich zu laben. Manchmal hält sich das Wasser in den Tränken ein paar Tage, bis ein anderer Reisender sie wieder füllt, doch meist rinnt es durch Spalten und Risse hinweg und die Freude für die Fauna ist von kurzer Freude.
Dies sind die Momente, in denen wir nicht nur von der einmaligen Schönheit der Canning Stock Route profitieren möchten, sondern ihr auch etwas zurückgeben wollen. Eifrig versuchen wir die Tränken mit Steinen und Schlamm abzudichten, wir befreien die Feuerstellen von ihren Aschebergen, nehmen die eine oder andere verbeulte Konservendose mit, erlösen eines der wenigen Plumpsklos von seiner scheisslichen Verstopfung und betätigen uns gar als Gärtner, indem wir an einer Campstelle ein Beet des hier fremden und invasierenden Büffelgrases mühselig ausgraben und verbrennen.

Ja, wir sind es, welche das ursprüngliche Gleichgewicht der Natur durcheinander bringen. An Rädern und im Rahmen der Autos verfangen sich Samen von Gräsern, die so ein Leichtes haben sich über hunderte Kilometer zu verbreiten. Das für Rindviecher nahrhafte Büffelgras ist eines davon. Gut für die Viehzucht, übel für die einheimischen Pflanzen, welche verdrängt werden und somit das ökologische Gleichgewicht, das in dieser fragilen Gegend schnell aus der Balance gerät, durcheinander bringt. Leider sind nicht nur Ökofreaks wie wir unterwegs. Obwohl? Sind wir denn Ökofreaks? Wir amüsieren uns hier auf 1800km, machen gute zwei Wochen Urlaub und wie sieht's mit der CO2 Bilanz aus? Ja gewiss, schlecht. Dreihundert Liter Diesel verpuffen wir einfach so zum Spass in die reine weite Luft des Australischen Outbacks. Toll! Doch es gibt auch immer eine Ausrede: Zwei Motorfarzeug-Pendler, die fünfmal in der Woche von Basel nach Zürich zur Arbeit fahren, verpuffen gleichviel Brennstoff wie wir zwei zur selben Zeit. Und wie viele gibt es, die dies Tag ein, Tag aus tun? Es sind Tausende!
Doch wenigstens halten wir uns an die wenigen Regeln, die jeder halbwegs vernünftige Pistenfahrer einhalten könnte: Wir amüsieren uns nicht damit, auf Salzseen unsere bis in alle Ewigkeit ersichtlichen Fahrspuren zu ziehen, wir versuchen nicht neue unbefahrene Dünen zu erklimmen, nicht eine direktere Furche durch den Wüstensand zu ziehen oder im weichen Schlamm mit unseren ach so tollen Offroadreifen eine ach so spektakulär dreinschauende Rinne zu buddeln. Schleierhaft ist es mir, weshalb es Leute gibt, die grüne Bäume für Feuerholz abhacken, die ihre leeren Dieselkanister in die Büsche schmeissen oder ganze Ölfässer in der Landschaft verrotten lassen. Die auch noch nicht wissen, dass sich Bierdosen im Feuer nicht in Luft auflösen, Toilettenpapier nach Jahren im Trockenklima noch immer in den Büschen flattert, Orangenschalen von keinem Tier gefressen werden oder Autobatterien kein Kamelfutter sind. Nervig sind auch die „3500 Touren“ Fahrer: Kaum ein Düne, die man normal hochfahren könnte. Alle sind sie von sich einbuddelnden oder Sand stiebenden Offroadkönnern kaputt gemacht worden. Zu viel Tempo, zu hoher Reifendruck, zu viele PS unter der Haube und zu wenig Hirn in der Birne machen die Piste kaputter und kaputter. Schade.


So gross, so fantastisch vielfältig, so wunderbar schön

Wir sind froh, dass unser Auto eine hohe Schmerzgrenze hat: Wir sind mit etwa 3800kg unterwegs, jenseits dessen, was offiziell gemäss Toyotahandbuch möglich wäre und natürlich auch jenseits dessen, was wir mit unserem Führerschein auch fahren dürften. Doch Diesel, Essen für gute drei Wochen (Notvorrat will ja mitgenommen werden) und unser kostbares Trinkwasser läppern sich zu stattlichen Gewichten zusammen. Das Trinkwasser ist unser kostbarstes Gut, denn bis auf zwei Tiefbrunnen geben die Schächte kaum trinkfreundliches Nass her. Uns schrecken die oftmals bräunliche Farbe, das ertrunkene Vögelein, die fröhlich herumhüpfenden Frösche oder die langen Baumwurzeln, die im Schacht nach Lebenssaft züngeln, davon ab, Wasser zum Kochen und Trinken zu verwenden. Zum Duschen geht das alleweil, auch wenn es mich etwas gruselt beim Gedanken, dass vor kurzem aus Schacht 36 ein ganzes Kamel geborgen werden musste, als es auf der Suche nach einem Trunk einen grausigen Tod im tiefen Loch fand. Wir kreuzen auch zwei, drei natürliche Wasserläufe, doch zu dieser späten Jahreszeit sind sie bis auf ein handtiefes Moderloch versiegt. Auch leichtfertige Reisende, die meinen ihren Schweiss in der Durba Quelle abwaschen zu müssen, halten uns davon ab, etwas anderes als unser mitgeschlepptes Wasser zu trinken.

Die Landschaft ist an keinem Tag gleich wie am vorigen. Uns überraschen immer wieder die Vielzahl der Grünnuancen im losen Buschwerk. Die ganze Route ist bewachsen, Gräser wechseln sich ab mit stacheligen, flauschigen oder lederigen Sträuchern, dann sind es wieder Mulgas, Eukalypten und Akazien, die zehn oder mehr Meter in die Höhe wachsen. Die drei Wüsten, die wir durchfahren sind nicht wie die Sahara, wo das Auge meist nur auf Sand trifft. Hier ist der leuchtend rote Outbacksand Hort zahlloser Pflanzen. Täglich bestaunen wir Felder blau und rot blühender Blumen, dann die signalgelb leuchtenden Blütendolden uns unbekannter Gehölze und die dezenten, aber zu Millionen Büscheln verzottelten Blütendolden der Eukalyptusbäume. Atem beraubendsten sind die wenigen Escarpments, Felskliffs, die wie Burgen aus der Weite des Sandmeeres hervorragen. Trotz der Hitze lassen wir es uns nicht nehmen, kurze Wanderungen zu unternehmen. Wir besteigen die farbigen Sandsteinfelsen, staunen über die verschlungenen Deformationen, welche das Gestein in den Jahrmillionen über sich ergehen lassen musste, kraxeln auf Felsvorsprünge, von denen wir in die unberührten Wüsten blicken. Auf unserer Landkarte sind bis auf die Canning Stock Route keine Anzeichen menschlicher Eingriffe auszumachen. Sanddünen, Lehmpfannen, Salzseen und ein kleiner Gebirgsstock in unerreichbarer Weite sind das einzige, was wir erblicken können.

Wir klettern von unseren Kanzeln herunter und staunen, welche Kühle in den Schluchten vorzufinden ist. Wohl möglich, dass sich unter dem sandigen Bachbett eine Wasserader verbirgt, das Summen der Insekten ist ein Anzeichen dafür, dass irgendwo etwas Feuchtigkeit zu finden ist. Die Pflanzenwelt ist hier viel dichter, die Bäume grösser und mächtiger.





Wenn unsere Wasserflaschen sich leeren, ist es Zeit ans Umkehren zu denken. Die Hitze lässt uns spüren, wie unbarmherzig brutal das Leben hier draussen sein kann. Wir trinken (lediglich im Auto fahrend) je vier Liter Wasser am Tag. Es bedürfte wohl keines ganzen Tages, würde man hier ohne Proviant ausgesetzt, bis einem Dehydration ein Ende setzen würde. Doch unser Toyota lässt uns nicht im Stich, bringt uns Kilometer um Kilometer weiter. Wir sind froh um diesen treuen Gefährten, der uns nie hängen liess, sei es bei minus 49°C in Sibirien, auf 4000  Meter hohen Pässen in Kirgisistan oder hier in der unendlichen Einsamkeit Westaustraliens.

So zu Reisen macht uns Freude, auch wenn nicht immer alles einfach und gradlinig verläuft. Es sind die Kurven und Unebenheiten im Leben, welche dieses spannend machen. Unseren Weg zu finden, immer mit offenen Sinnen unterwegs zu sein, das wünschen wir uns. Die Welt ist so gross, so fantastisch vielfältig, so wunderbar schön, und sie liegt uns zu Füssen. Ertasten wir sie!     


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